Ist es so schlimm?
Natürlich nicht in allen Feldern. Aber das grundsätzliche Mindset hierzulande stimmt einfach nicht. Wir scheuen die Veränderung, weil sie Unsicherheit und Unbekanntes mit sich bringt. Wir testen nichts aus, wir misstrauen Visionären, wir wagen keinen großen Wurf, sondern immer nur die kleine Lösung. Mein Gefühl ist, dass ein neuer Ruck durchs Land gehen muss. Ich habe viele Jahre in China gelebt. Die Lust, etwas Neues auszuprobieren, ist dort viel stärker ausgeprägt. Wir haben damals in kürzester Zeit viele neue Messethemen auf den Weg gebracht. Einige Ideen haben sofort gefruchtet, einige sind gescheitert. Die Bereitschaft, Fehler zu machen, hat sich am Ende ausgezahlt. Unterm Strich haben wir unsere Marktposition vor Ort durch unseren Mut und unsere Entschlossenheit langfristig jedoch erheblich ausbauen können.
Ist der Schmerz hierzulande vielleicht einfach noch nicht groß genug?
Zumindest ist die Bereitschaft noch nicht da, aus der Komfortzone herauszutreten. Wir müssen den Hebel jetzt schleunigst umlegen. Dafür braucht es zunächst die richtigen Rahmenbedingungen. Die Politik sollte sich zügig zu wirklichen Reformen durchringen, angekündigte Investitionsprogramme mit Nachdruck verfolgen und Zukunftstechnologien entschlossen fördern. All das braucht es, wenn wir wieder wie früher als echter Innovationsstandort wahrgenommen werden möchten. In anderen Weltregionen – vor allem in Wachstumsregionen wie dem Nahen Osten, Indien oder eben in Fernost – ist das mentale Wagniskapital deutlich größer.
Wie kommen wir zu diesem Mindset?
Indem wir bereit sind, von anderen zu lernen und die neuen Verhältnisse zu akzeptieren. Europa ist schon lange nicht mehr der Nabel der Welt. Wir schauen aber immer noch zu sehr auf uns selbst, statt uns an anderen, dynamischen Regionen zu orientieren. Als Messegesellschaft erleben wir täglich, wie sehr der globale Austausch inspiriert und motiviert. Wir spüren es ja auch in unserer eigenen Branche: Es kommen ständig neue Messestandorte und Messezentren auf der ganzen Welt hinzu, vor allem im Mittleren Osten und in Asien. Die Kräfteverhältnisse verschieben sich und zwingen uns zu ständiger Beweglichkeit und immer wieder neuem Ideenreichtum. Diese Herausforderung nehmen wir als eine der führenden Messegesellschaften weltweit an.
Messen machen doch Innovation nur sichtbar.
Nein, das ist nur ein Teil. Unser Geschäft besteht darin, Menschen und Ideen zusammenzubringen. Dafür stellen wir unser Portfolio ständig auf den Prüfstand und schauen, wie wir unser Angebot für unsere Kunden weiter verbessern können. Wir wollen für unsere Aussteller den perfekten Rahmen bilden und die neuen Produkte gemeinsam mit unseren Kunden bestmöglich kuratieren. Schließlich zeigen Studien, dass vor allem Leitmessen Fixpunkte für Unternehmen sind, um Innovationen voranzutreiben und Investitionen zu lancieren. Die Unternehmen wissen, dass sie bei der Leitmesse ihrer Branche liefern müssen. Mehr noch: Nicht wenige halten ihre Innovationen bewusst zurück, um sie dann beim Branchentreffen des Jahres präsentieren zu können. Dieser positive Druck durch Messen wird umso stärker, wenn wir mit bestimmten Themen in neue, vorzugsweise Wachstumsmärkte gehen.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Ein besonders spannender Zukunftsmarkt ist Indien: Das Land spielte lange eher eine Nebenrolle auf den globalen Märkten, hat aber das Potenzial für einen enormen Wachstumssprung. Gerade im Gesundheitssektor sieht man diese Dynamik deutlich. Wir haben diese Entwicklung früh antizipiert und uns mit der Medical Fair India bereits hervorragend im Markt positioniert. Mittlerweile findet unsere Messe zwei Mal jährlich vor Ort statt. Dieser Schritt zeigt: Wir bringen Themen dorthin, wo sie rasant an Bedeutung gewinnen. Das kommt nicht nur unseren Kunden zugute, sondern auch den Menschen vor Ort.
Gilt das für andere Märkte genauso?
Ja. Grundsätzlich denken wir Märkte heute viel stärker vom Zukunftspotenzial her. Natürlich haben wir unsere etablierten Kernregionen, in denen wir sehr stark sind – aber unser Blick geht nach vorne: Indien, Mexiko, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien. Länder wie diese sind heute noch im Aufbruch, besitzen aber hervorragende Zukunftsaussichten. Genau dort wollen wir unsere Präsenz ausbauen und neue Formate entwickeln. So bauen wir uns weiter unsere eigene „Seidenstraße“ auf, über die zwar keine Waren, dafür aber das notwendige Wissen um Trends, Innovationen, Investitionen und Initiativen weitergegeben wird. Dieses Netzwerk ist für uns eine unbezahlbare Quelle für die kontinuierliche Transformation unseres Geschäfts.
Es gibt also auch Lichtblicke für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
Ja, natürlich. Wir haben hierzulande nach wie vor enorme Stärken: industrielle Substanz, exzellente Forschung, gut ausgebildete Fachkräfte. Aber wir sind zu langsam darin geworden, daraus eine Transformationsdynamik zu entwickeln. Daher müssen wir alle die vorhandenen Impulse jetzt gemeinsam nutzen und auf weitere drängen. Wir als Messe sehen uns da schon in der Rolle eines Beschleunigers: Innovation treibt uns, und wir treiben Innovation. Und das gilt auch für den Standort Düsseldorf und NRW. Wenn wir hier auf unseren Messen immer wieder innovative Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringen, die die Zukunft ihrer Branche verhandeln, dann profitieren wir davon auch als Innovationsstandort.